Grundlagen Anatomie

Ein Kurzüberblick über die funktionale Anatomie des Pferdes

Um ein guter Reiter zu sein, gehören einige Grundlagen der Pferdeanatomie zur Basisausbildung jedes Reiters. Indem wir das Pferd mit unserem Gewicht belasten, verändern wir die gesamte Biomechanik des Pferdekörpers. Für mich gehört zum Begriff eines „guten Reiters", dass er sich dies bewusst ist und alles dafür tut, dass ein Pferd trotz der unphysiologischen Belastung möglichst gesund bleibt. Zur Informationen zur Beurteilung des Pferde-Exterieurs geht es hier.

Als erstes müssen wir uns eine im Prinzip völlig selbstverständliche Tatsache vor Augen halten: Die Natur hat das Pferd nicht als Reittier vorgesehen. Ganz im Gegenteil, das Pferd nimmt seine Nahrung größtenteils vom Boden auf und bewegt sich langsam aber stetig von einer Futterstelle zur nächsten. Wenn wir nun den Rücken des Pferdes mit einem Reitergewicht belasten, müssen wir uns stets vor Augen führen, dass wir es hier mit einem Tier zu tun haben, dessen Rücken nicht zum Tragen von Gewicht konstruiert wurde.

Was soll der Vergleich Pferd vs. Hängebrücke hier der Golden Gate Bridge?


Was hat die Golden Gate Bridge mit der Anatomie des Pferdes zu tun?

Wenn man sich das Skelett des Pferdes einmal genauer ansieht versteht man die Analogie zwischen der Brücke und dem Pferd. Das Pferd ist vom Grundkonstrukt her eigentlich eine Hängebrücke, die Vorhand symbolisiert den einen Brückenpfeiler, die Nachhand den Anderen. Der Rücken entspricht der langen Strasse, welche von den beiden Pfeilern gehalten wird. Was geschieht nun, wenn wir in der Mitte dieser Brücke (gelber Pfeil) diese Brücke mit Gewicht belasten? Korrekt, sie wird durchhängen. Die Kunst des anatomisch korrekten Reitens ist es nun, dies zu verhindern: Wir wollen dem Pferd beibringen uns nicht mit durchhängendem Rücken zu schleppen, ganz im Gegenteil, dass Pferd soll lernen seinen Rücken mit seinen Muskeln aufzuwölben und so nicht mit „hohlem Kreuz" zu tragen.

Das knöcherne Gerüst - das Skelett

Die Halswirbelsäule des Pferdes besteht aus sieben sehr beweglich verbundenen Wirbelkörpern Sie verläuft S-förmig und geht zwischen den Schulterblättern in die Brustwirbelsäule über. Die 18 Brustwirbel, welche die Brustwirbelsäule bilden, sind weniger beweglich miteinander verbunden als die Halswirbel. Die Dornfortsätze des 2. - 10. Brustwirbels bilden den Widerrist. Die Lendenwirbelsäule schließt sich dann an die Brustwirbelsäule an und besteht durchschnittlich aus 6 Wirbelkörpern. Zusätzlich zu den nach oben stehenden Dornfortsätzen, besitzen die Lendenwirbel bis zu 20cm lange Querforsätze. Diese Querforsätze dienen als Ansatzpunkt für diverse große Muskelgruppen (M. longissimus dorsi und innere Psoasmuskulatur). An die Lendenwirbelsäule schließt das Kreuzbein an, welches aus ursprünglich 5 Teilen zu einem Knochen verschmolzen ist. Das Kreuzbein ist mittels Illeosakralgelenk mit dem Beckenring verbunden. Am Kreuzbein befestigt sind nun noch die Schwanzwirbelsäule, welche aus ca. 18-20 Segmenten besteht.

 

Das Skelett alleine ist instabil...

 

... richtig stabilisiert werden die vielen knöchernen Einzelteile durch unzählige Bänder, Sehnen und Muskeln. Auch hier lohnt sich eine ganz grobe Betrachtung um die wichtigsten biomechanischen Zusammenhänge des Reitens nachvollziehen zu können.

Die wichtigsten Muskeln und Bänder - ein kurzer Überblick

Der Rücken

M. longissimus dorsi - Langer Rückenmuskel

Der lange Rückenmuskel ist einer der größten Bewegungsmuskeln beim Pferd. Zentral zum Verständnis der ganzen Biomechanik ist, dass der lange Rückenmuskeln aufgrund seiner Beschaffenheit ein reiner Bewegungsmuskel und fast keine Tragfähigkeiten aufweist.

Merke: Der lange Rückenmuskel dient nur zur Fortbewegung und nie zum Tragen des Reitergewichts! Ein Pferd kann also einen Reiter ohne gezieltes Training nur „falsch" tragen!

Haltemuskeln weisen einen wesentlich höheren Anteil an Bindegewebe auf, Bewegungsmuskeln (wie eben der M. longissimus dorsi) dagegen sind ausschließliche „fleischliche" Muskeln, sie dienen rein der Fortbewegung. Belastet man den langen Rückenmuskel dauerhaft unter Spannung wird er darum bald ermüden und schmerzen. Die Folge ist, dass das Pferd die Rückenmuskeln entspannen muss und damit den Rücken wegdrückt (es kommt zum Hohlkreuz). Somit ist eins klar: wenn der lange Rückenmuskel keine Tragfunktion aufweist, muss diese Aufgabe von anderen Muskelgruppen übernommen werden. Die Aufgabe dem Pferderücken unter Belastung mit einem Reitergewicht seine natürliche Haltung wiederzugeben, hat vor allem die Nackenmuskulatur und die dazugehörigen Bänder.


Die obere Verspannung

Hier wird der dorsale Bandapparat angesprochen, er findet die Wirbel vom Genick bis zum Kreuzbein. Das Nackenband setzt bei den langen Dornfortsätzen des Widerrists an und läuft zu den Halswirbelkörpern. Was wir also als eigentlich „Halsform" des Pferdes optisch wahrnehmen, ist nicht die Halswirbelsäule, nein diese verläuft viel weiter ventral („unten"), sondern wir sehen das Nackenband. Das Rückenband läuft vom Widerrist Richtung Schweif und verbindet durch seine Anhaftung die Enden der Dornfortsätze miteinander.



Dadurch, dass sämtliche Wirbel über das Rücken respektive Nackenband miteinander verbunden sieht, hat auch jede Bewegung eines Teils der Wirbelsäule direkten Einfluss auf die anderen Teile. Beim oberen Bild hebt das Pferd den Kopf an, die obere Verspannung entspannt sich, die Dornfortsätze kommen sich näher. Auf der unteren Abbildung dehnt sich das Pferd nach vorwärts-abwärts, der Bandapparat wird in die Länge gedehnt und die Dornfortsätze vergrößern ihren Abstand zueinander. Durch den gespannten Bandapparat wird der Rücken angehoben und erhält seine natürliche Lage zurück.

 

Nur in dieser Position kann die Rückenmuskulatur physiologisch funktionieren. Da der lange Rückenmuskel durch den breiten Rückenmuskel (M. latissimus dorsi) und den großen Gesäßmuskel (M. gluteus medius) Verbindungen mit den Vorder- und Hintergliedmassen aufweist, hat er auch auf den Gang des Pferdes einen direkten Einfluss.

 

Die Hinterhand

Von der Natur ist die Vorhand zum Tragen, die Hinterhand für den Schub, also die Vorwärtsbewegung, geschaffen. Aufgrund ihrer ursprünglichen physiologischen Eigenschaften ist die Vorhand anders mit dem Rumpf verbunden, als die Rückhand. Zwischen Vorhand und Brustkorb befindet sich keine knöcherne Verbindung, der Brustkorb ist einen starken Muskel, elastisch zwischen die Schultergliedmassen eingehängt. Die Hinterhand hingegen ist im Hüftgelenk mit dem Becken, also mit dem Rumpf, verbunden. Die beim Reiten erwünschte „federnde Hinterband" (Stichwort Hankenbeugung) ist also nur durch eine Winkelung aller Gelenke der Hintergliedmasse zu erreichen.

 

Die Vorhand

Warum entlasten Pferde beim dösen ihre Hinterbeine wechselseitig, während die Vorhand nie entlastet wird? Die Antwort ist simpel, die Vorderbeine ermüden nicht. Warum? Die Erklärung dafür ist auch für den Reiter von zentraler Bedeutung. Die Beugesehnen und Spannbänder bilden zusammen an der Vorhand einen völlig selbstständigen Sehnenapparat, der ohne jegliche Muskeltätigkeit die Körperlast tragen kann. Muskeln können im Gegensatz zu Sehnen und Bändern ermüden, weshalb die Vorhand eine sehr statische Konstruktion ist, die perfekt für ermüdungsfreies Stehen geschaffen ist.

 

Es ist also eigentlich ein Irrglaube, dass durch die Versammlung, also ein vermehrtes Lastaufnehmen der Hinterhand die vermeidlich empfindliche Vorhand zu entlasten. Die Förderung der Kraft des Reitpferdes muss für die Vorhand genauso gefördert werden, wie für die Hinterhand.

 

Die untere Verspannung - die Bauchmuskeln

In erster Linie dienen die Baumuskeln zur Stabilisation des Rumpfes und tragen die inneren Organe, eine Beteiligung am Tragen von Gewicht haben sie hingegen nicht. Erst in zweiter Linie sind sie Bewegungsmuskeln, weshalb sie an dieser Stelle etwas vernachlässigt werden.

 

Die Halsmuskulatur

Die Halsmuskeln ziehen in einer vorwärts-abwärts-Haltung zusammen mit der passiven Wirkung der Nackenbänder die langen Dornfortsätze des Halses nach vorne und können so mit dem Rückenband den Rücken anheben und den langen Rückenmuskeln entlasten. Im Laufe der Ausbildung und einer entsprechenden Stärkung kann die Oberhalsmuskulatur nun aktiv die Arbeit leisten, welche vorher passiv von den Nackenbänderrn erbracht wurde. Diese Entwicklung ermöglicht es dem älteren und weiter ausgebildeten Reitpferd, auch in Aufrichtung seinen Rücken aufzuwölben, so dass dieser frei beweglich bleibt und die Rückenmuskulatur ihre Arbeit verrichten kann.

 

Mehr zur Umsetzung der hier gewonnen Erkenntnisse finden Sie hier.