Koppen - Ein Hilferuf!

Koppen ist die bekannteste Verhaltensstörung bei Pferden und trotzdem halten sich gerade hier viele Gerüchte, Lügen und Halbwahrheiten hartnäckig. Diese machen sowohl den Pferdebesitzern, aber vor allem den Pferden das Leben schwer. Deshalb soll im Folgenden für Aufklärung gesorgt werden.

 

Das Koppen ist diagnostisch zunächst einmal von der Fehlentwicklung des vierten Kiemenbogens während der frühen Embryonalphase zu unterscheiden. Diese ist zwar sehr selten, kann aber dazu führen, dass es zur Schwächung oder sogar zum Fehlen bestimmter Muskeln im Halsbereich eines Pferdes kommt. Dadurch dringt viel Luft in die Speiseröhre und den Magen ein, die beim Entweichen ein ähnliches Geräusch macht, wie das Koppen selbst. Wegen dieser Ähnlichkeit kann es schnell zu einer Fehldiagnose kommen.

 

Vielleicht geht es auf eine Verwechslung mit dieser Fehlentwicklung zurück, dass das Koppen früher auch als sogenanntes „Luftschlucken" bezeichnet wurde. Leider führt jedoch genau das bis heute zu einem der größten Missverständnisse:

Beim Koppen wird nämlich keine Luft geschluckt!

 

Das Pferd öffnet vielmehr durch Anspannen der vorderen, langen Halsmuskulatur den Schlundkopf, was das typische, rülpsartige Geräusch erzeugt und durch den entstehenden Unterdruck Luft in die Speiseröhre saugt. Diese Luft entweicht jedoch wieder geräuschlos, wenn die Halsmuskulatur anschließend erschlafft. Untersuchungen konnten insoweit eindeutig belegen, dass nur in Ausnahmefällen eine absolut unbedeutende Menge Luft in den Magen gelangt.


Deshalb ist es auch nicht richtig, wenn behauptet wird, dass Pferde durch das Koppen aufgebläht sind und zu Magenproblemen und Koliken neigen. Magen- und Darmprobleme sind nicht Folge des Koppens, sondern zählen vielmehr zu den Ursachen! Doch bis heute wird dies trotz vieler belegender Studien sogar von Tierärzten und Kliniken immer noch falsch propagiert. Und viele Leute glauben dies nur allzu gerne, denn so lassen sich Zwangsmaßnahmen gegen das Koppen viel besser rechtfertigen.

 

Die meisten Zwangsmaßnahmen sind auf die häufiger auftretenden Aufsetzkopper zugeschnitten. Dabei handelt es sich um Pferde, die für den Koppvorgang eine Kante benötigen, auf der sie ihre Vorderzähne aufsetzen können, um dann die Halsmuskulatur anzuspannen. Die seltener auftretenden Freikopper benötigen hingegen keine Hilfsgegenstände, um die Muskelkontraktion durchzuführen, sie nutzen eine spezielle Kopfbewegung.


Neben dem Versuch, Aufsetzkoppern mögliche Aufsetzkanten mit schlecht schmeckenden Pasten zu nehmen, die Box so umzugestalten dass es keine Kanten mehr gibt oder das Aufsetzen mit einem Koppermaulkorb zu verhindern, gehen die Leute sogar so weit, Elektroschocks zu verwenden oder noch schlimmer, sog. Schweine- oder Bullenringe ins Zahnfleisch des Pferdes einsetzen zu lassen; dass man hier im Bereich der Tierquälerei angekommen ist, muss eigentlich nicht ausdrücklich erwähnt werden.

 

Zudem zeigen diese Maßnahmen nicht mal dauerhaften Erfolg. Pferden, denen man die Möglichkeit zum Aufsetzen nimmt, gehen häufig irgendwann zum Freikoppen über. Zudem wird das Koppen nur so lange abgestellt, wie die Zwangsmaßnahme dauert. Eine Studie zeigte beispielsweise, dass ein Kopper, dem man drei Jahre lang ohne Möglichkeit zum Aufsetzen hielt, sofort wieder anfing zu Koppen, als man ihm eine entsprechende Kante bot.

 

Abgesehen von den zuvor genannten, selteneren Zwangsmaßnahmen, gibt es zwei sehr häufig genutzte und von der großen Mehrheit der Reiter und Pferdebesitzer auch vollständig akzeptierte Maßnahmen:

Zum einen wäre da der Kopperriemen, ein Riemen der im Kehlkopfbereich des Pferdes eng um den Hals geschnallt wird und so bei der für das Koppen notwendigen Kontraktion der Muskulatur Schmerzen bereitet. Dieser hat natürlich nicht nur den Nachteil, dass er häufig scheuert, auch lernen einige Pferde selbst mit dem Kopperriemen zu Koppen. Wenn die Besitzer dann den Riemen noch enger schnallen, wird das Pferd häufig im Fressen, Trinken und der Speichelproduktion behindert. Zudem hat der Riemen den Nachteil, dass er nur wirkt, so lange er angelegt ist; wird er abgenommen, beginnen die Pferde meist sofort wieder zu Koppen. Eine Studie zeigte insoweit sogar, dass das Koppen dann zusätzlich schlimmer ist als zuvor, die Frequenz also erhöht wird, ganz so, als hätten die betroffenen Pferde Nachholbedarf.

 

Eine endgültigere „Lösung" soll die sog. Kopper-OP sein, eine Operation bei welcher drei Halsmuskeln und ein Nerv im Hals des Pferdes durchtrennt werden, die für das Koppen notwendig sein sollen. Hier sollte man jedoch wissen, dass diese OPs keine 100%ige Erfolgsrate haben, sondern es Pferde gibt die trotzdem weiter koppen. Zudem sollte man sich auch fragen, ob die Natur sich wohl wirklich nichts beim Anlegen dieser Muskeln und Nerven gedacht hat und diese überflüssig sind?

 

Auch diese beiden Maßnahmen sind jedenfalls reine Zwangsmittel zur Unterdrückung der Symptomatik und keine Behandlung! Sie machen die Situation für die betroffenen Pferde nur noch schlimmer und sind deshalb meiner Meinung nach auch dem Bereich der Tierquälerei zu zuordnen.

Man muss bedenken, dass das Pferd nicht ohne Grund koppt! Das Koppen dient häufig der Stressbewältigung in dem es auf das zentrale Nervensystem, insbesondere auf das Belohnungssystem einwirkt. Das Pferd versucht also, eine für es sonst nicht ertragbare Situation erträglicher zu machen. Wenn ein Magenproblem hinzukommt, verschafft das Koppen zudem durch die mit ihm einhergehende Erhöhung der Speichelproduktion Linderung.

Zwangsmaßnahmen zur Unterdrückung zu verwenden ist demnach so, als würde man jemandem der um Hilfe ruft knebeln um seine Ruhe zu haben.

 

Wie kann man einem Kopper aber wirklich helfen?

Hierzu muss man sich die möglichen Ursachen noch einmal näher betrachten. Dabei kann man auch gleich mit dem zweiten großen Missverständnis aufräumen, welches besagt, dass Pferde sich das Koppen von anderen Pferden abgucken würden. Dass auch dies nicht stimmt, zeigen die vielen Fehlversuche ein entsprechendes Abgucken in Studien nachzuweisen.

 

Eine Häufung von Verhaltensstörungen in einem Stall, lässt sich vielmehr durch die selben (schlechten) Haltungs- und Nutzungsbedingungen erklären und nicht durch Abgucken. Und obwohl die Studien nur diese eine Schlussfolgerung zulassen, nehmen viele Ställe auch heutzutage noch keine Kopper auf und wenn doch, ist man als Eigentümer eines Koppers bei den Boxennachbarn leider oft unbeliebt. Ein Grund mehr aufzuklären!

 

Die tatsächlich belegten Hauptursachen für das Koppen sind vielmehr traumatische Erlebnisse (z.B. falsches Absetzen, Stallwechsel, Unfall), Dauerstress durch falsche Haltung, falsches Training und / oder Fütterung, sowie Magenprobleme.

Zusätzlich scheint es eine erbliche Komponente zu geben. Diese bezieht sich allerdings lediglich auf die Sensibilität gegenüber Stress und nicht auf das Koppen selbst. Koppen ist also entgegen der vorherrschenden Meinung nicht vererbbar!

Sollte Ihr Pferd anfangen zu Koppen (oder auch schon länger Koppen), gibt es so viele Möglichkeiten ihm zu helfen, wie es Ursachen gibt. Sie müssen dann der genauen Ursache auf den Grund gehen und diese beseitigen.

 

Zum Beispiel kommen folgende Maßnahmen in Betracht:

  • Überprüfen und Hinterfragen Sie die aktuelle Haltung kritisch. Ist diese wirklich artgerecht? Hat Ihr Pferd genug Abwechslung, Sozialkontakt und Möglichkeit zur freien Bewegung?
  • Am besten wäre insoweit die Haltung in einem GUTEN Lauf- oder Offenstall. Ist dies nicht möglich, sorgen Sie zumindest für so viel freie Bewegung auf der Weide oder dem Paddock wie nur möglich und dies eben nicht allein, sondern mit mindestens einem weiteren Pferd
  • Optimieren Sie die Fütterung, in dem Sie dem Pferd so viel gutes Heu wie möglich zur Verfügung stellen und vor allem Fresspausen von mehr als vier Stunden vermeiden (z.B. durch Einstreu mit gutem Stroh anstatt Spänen oder unter zur Hilfenahme eines engmaschigen Heunetzes). Versuchen Sie so wenig Kraftfutter wie möglich zu füttern und wenn dann keine Fertigmüslis mit fragwürdigen Inhaltsstoffen.
  • Verbessern Sie den Umgang und das Training mit dem Pferd. Seien Sie ruhig im Training und arbeiten Sie mit positiver Verstärkung statt mit Strafe. Seien Sie aber trotzdem immer konsequent und klar in Ihren Anforderungen.

Haben Sie Probleme in diesem Bereich, holen Sie sich lieber professionelle Hilfe. Achten Sie jedoch dabei darauf den richtigen Trainer auszuwählen.

  • Überprüfen Sie Ihre Ausrüstung (Sattel, Trense etc.). Lassen Sie zudem die Zähne kontrollieren und auch mal vorbeugend einen Physiotherapeuten kommen. Sichern Sie so, dass Ihr Pferd keine Schmerzen im Training ertragen muss
  • Wenn Magen- und oder Darmprobleme Ursache sind, wenden Sie sich an einen guten Tierarzt oder Tierheilpraktiker, der Ihnen hilft diese Probleme in den Griff zu bekommen (z.B. mit Kräutern, effektiven Mikroorganismen, Homöopathie, (Ohr-, Akupunktur, Radionik etc.)

Erfolgsaussichten das Koppen vollständig abzustellen hat man allerdings meist nur in der Anfangsphase. Koppt das Pferd schon seit Jahren, haben diese Maßnahmen keine hundertprozentigen Erfolgsaussichten mehr, da das Koppen durch die Einwirkung und Veränderung im zentralen Nervensystem hohen Suchtcharakter hat.

Allerdings können die Maßnahmen dann immer noch zu einer (starken) Reduzierung des Koppens führen und zudem sind Sie natürlich einfach auch notwendig um die Ursachen zu beseitigen und die Situation des Pferdes zu verbessern!

 

Sollten Sie das Koppen also trotz Verbesserung von Haltung, Training und Gesundheitszustand nicht mehr abstellen können, finden Sie sich damit ab einen Kopper zu haben. Sie haben dann alles getan was Sie können und die Ursachen abgestellt, somit müssen Sie sich keine weiteren Sorgen oder Vorwürfe mehr machen.


Wie bereits Anfangs erwähnt, hat das Koppen normalerweise keine gesundheitlichen Folgen für das Pferd. Es besteht somit kein Grund, auf die Anfangs genannten Zwangsmaßnahmen zurück zu greifen.

Lediglich in wirklich seltenen Ausnahmefällen soll der Literatur zu Folge das Koppen von Pferden so exzessiv ausgeführt worden sein, dass es zu einer so erheblichen Abnutzung der Schneidezähne kam, dass das Fressen beeinträchtigt wurde bzw. sogar ohne Aufsetzen so exzessiv gekoppt worden sei, dass das Pferd zu wenig Zeit zum Fressen hatte und deshalb stark abmagerte.
In einem solchen Fall wäre ein gut sitzender Kopperriemen natürlich ausnahmsweise vertretbar, jedoch nie als erstes und vor allem nicht als einziges Mittel!


Mir persönlich ist allerdings kein Fall bekannt, bei dem alle Optimierungsmaßnahmen nicht zumindest zu einer ausreichenden Reduzierung führen konnten.

 

Im Normalfall sind Kopper auf jeden Fall besser als ihr Ruf.

Die Statistik einer Schweizerischen Universitätsklinik zeigt beispielsweise, dass nur 7 % der Pferde an denen eine Kopper-OP durchgeführt wurde, dem Vorbericht nach unter Gesundheitsschäden wie z.B. starken Gewichtsverlust litten. 93 % hatten keinerlei Beeinträchtigungen durch das Koppen (und wurden unverständlicherweise trotzdem operiert).


Bei den 7% ist zudem zu beachten, dass nie untersucht wurde, ob die Gesundheitsschäden nicht eigentlich auf andere Ursachen zurückgingen.

Auch eine 1987 durchgeführte Umfrage unter britischen Rennpferdetrainern zeigte, dass Kopper nicht krankheitsanfälliger sind, als andere Pferde. Gerade in der stark mit Koppern betroffenen Rennszene gelten Kopper häufig sogar als besonders leistungsfähig.

 

Also geben auch Sie Ihrem Kopper eine Chance und lassen Sie sich nicht vom Gerede anderer beirren. Unterdrücken Sie nicht den Hilferuf, um es anderen recht zu machen, sondern helfen Sie lieber Ihrem Pferd wirklich!

Sollten Sie nun an noch tiefer gehenden Informationen interessiert seinen, möchte ich Ihnen zuletzt noch das Buch von Dr. Tanja Romanazzi mit dem Titel „Vom Kopper zum normalen Pferd" ans Herz legen.

 

Svenja Vollbrecht

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