Der heiße Tipp

Der Sperrriemen: hat er seinen Sinn verloren?

Datum der Nachricht: 15.05.2014

von Silke Schön

Es begann damit, dass wir diesen Artikel von Michael Geitner zum Thema Sperrriemen gefunden haben:
 

Ich höre oft die landläufigen "Argumente" für die Benutzung des Sperrriemens (Kinnriemen) wie "Mein Pferd streckt sonst die Zunge raus" oder "Das Pferd sträubt sich sonst gegen die Trense". Die Fakten, die GEGEN den Einsatz des Sperrriemens sprechen, sind folgende (dazu kurz etwas zur Historie): der Erfinder des Englischen Kombinationshalfters hatte ursprünglich eine wirklich gute Idee. Die Schlaufe, die vorne am Nasenband angebracht ist, wurde komplett anders verwendet als heute. Es wurde der Riemen jeweils links und rechts durch das Gebiss, und zwar von innen nach außen, verschnallt. So konnte der Zug auf das Gebiss beschränkt werden und der Druck auf den Nasenrücken weiter gegeben werden.

Zudem fand der Sperrriemen Verwendung, die aus den Bedürfnissen des Militärs heraus entwickelt und angepasst wurden. Um bei Stürzen zu verhindern, dass sich die Pferde durch weit geöffnete Mäuler den Unterkiefer brachen, wurde ihnen der Unterkiefer mittels Sperrriemen zugeschnürt. Dadurch verringerten sich die Kieferbrüche der damaligen Pferde um 80%.

Wahrscheinlich seit den späten 70igern kommt dem Sperrriemen nun eine sehr unglückliche, zweckentfremdete Aufgabe zu, nämlich dem Pferd das Leben schwer zu machen. Was der Sperrriemen aber sehr deutlich einschränkt und zum Teil auch stark behindert, ist das Abschlucken des Speichels. Wenn nämlich sein Maul zugeschnürt wird, kann das Pferd nicht mehr durch das leichte Öffnen des Mauls den Druck des Trensengebisses auf den Gaumen abmildern. An der Stelle, an der das Trensengebiss gegen den Gaumen drückt, sitzen aber Nervenrezeptoren, die den Schluckreflex unterbinden und den Deckel des Kehlkopfes blockieren. Dadurch entsteht das Einspeicheln des Pferdes, was also in erster Linie ein Zeichen dafür ist, dass das Pferd seinen Speichel nicht abschluckt, aber noch lange kein Hinweis darauf, dass das Pferd korrekt "durch das Genick" geht.

Das kann jeder an sich selbst ausprobieren: Wenn man mit einem Löffel an den Gaumen drückt, dann kann man seinen Speichel nicht mehr abschlucken und es entsteht zudem ein Würgereiz.


Reiten lernt man nur durchs reiten. Regelmäßiger Unterricht, unabhängig vom Ausbildungsstand, ist unabdingbar.
Foto: Sven Cramer / Fotolia.de

Neben vielen anderen Funktionen bildet der Speichel einen natürlichen Schutz der Magenschleimhäute des Pferdes. Wir wissen heute, dass etwa die Hälfte aller Pferde im Freizeitsport und sogar 80% der Pferde im Leistungs- und Hochleistungssport unter Magenproblemen leiden. Denn der Speichel erfüllt neben dem rein mechanischen Abtransport des bereits im Maul zerkauten Nahrungsbreis aus der Maulhöhle in den Magen noch eine Reihe weiterer ganz wichtiger Funktionen. Im Speichel befinden sich wichtige Mineralien, vor allem Natriumbikarbonat, das als chemischer "Puffer" eine Übersäuerung des Magens verhindert. Fehlt nun dieser Speichel als Säurepuffer, kommt es schnell zu einer Übersäuerung des Magens. Ist die Magenschleimhaut zum Beispiel durch Stress an manchen Stellen dünner als normalerweise, führt eine Übersäuerung des Mageninhaltes an diesen Stellen zu einem Magengeschwür, da die Magensäure - übrigens fast reine Salzsäure - an diesen Stellen die "Schutzhülle" der Magenwände einfach wegfrisst. Dieses Problem ist NICHT zu unterschätzen, da eine Erkrankung des Magens das Pferd sehr unrittig machen kann, weil es durch Anspannung der Muskulatur immer wieder versucht, den schmerzenden Magen ruhig zu stellen, damit die Magensäure nicht so viel herumschwappt. [...].

Der nächste Punkt gegen den Einsatz des Sperrriemens ist die eingeschränkte Freiheit des Kiefergelenks. Man hat festgestellt, dass, wenn das Kiefergelenk nicht richtig arbeitet bzw. festgeklemmt oder festgehalten wird, die Muskulatur des Kiefers Bewegungsstöße des Körpers, z.B. beim Laufen, nicht mehr abfedern kann. Wenn wir also einen Dauerlauf mit zusammengebissenen Zähnen laufen würden, dann würden wir uns derart die Wirbel der Wirbelsäule prellen, dass wir am Abend nicht mehr wüssten, wie wir uns überhaupt bewegen sollen. Die Pferde müssen das tagaus, tagein erleiden, und die Praxis des Sperrriemens kann Gelenkschäden bis hinunter zu den Fesselgelenken zur Folge haben. Man sagt daher: Das Kiefergelenk ist der erste Halswirbel. [...] Neben der Sicherstellung der Funktionsfähigkeit der Wirbelsäule ist die Kieferfreiheit zudem ganz wichtig für die Speichelproduktion, die vor allem durch die Ohrspeicheldrüse gesteuert wird. Ein festgezogener Sperrriemen verhindert die Kieferfreiheit und das Pferd kann nicht mehr kauen. Das ist aber eine Grundvoraussetzung, um Speichel zu produzieren und abfließen zu lassen. Dem Pferd steht keine ausreichende Menge an Speichel zur Verfügung und der vorhandene Speichel kann nicht abgeschluckt werden. Und das gerade in der stressigsten Zeit, im Training. Da brauchen die Pferde ihren Speichel nämlich am nötigsten.

Zudem verläuft genau an dem Punkt, wo der Sperrriemen sitzt, die Austrittsstelle (For. Mentale) eines empfindlichen Nervs, dem Nervus mentales, der für die Haut, Muskulatur, Schleimhaut der Unterlippe, sowie für das Kinn zuständig ist. Um es auf den Punkt zu bringen, formuliere ich das Problem des Sperrriemens folgendermaßen: Ich würde mir wünschen, dass die verschwendete Energie, die die Pferde aufbringen (müssen), um sich gegen den Sperrriemen zu wehren, als freie zusätzliche Energie für das zur Verfügung steht, was die Pferde leisten können. Wenn man die für den Kampf gegen den Sperrriemen eingesetzte Konzentration im Training zusätzlich zur Verfügung hätte, um sie für das Lernverhalten des Pferdes einzusetzen, dann wäre jeder, der von dieser Energie und Konzentration Gebrauch macht, gleich um Klassen besser, als derjenige Standard, den man sich mühsam gegen den Sperrriemen erkämpft hat.
Text: Michael Geitner



Dieser Artikel hat im Internet für einigen Wirbel gesorgt und in vielen Foren wurde darüber diskutiert.


Bildliche Darstellung der Lage des Sperrriemens an einem Pferdeschädel.
Bild: Angela Caprino, www.pferdegerechte-ausbildung.de
 

Was sagen andere zum Einsatz des Sperrriemens?


Anne Schmatelka, die selbst Dressur bis Klasse S reitet und bei uns schon einige Artikel veröffentlicht hat, hält den Einsatz von Sperrriemen für sinnvoll und gerechtfertigt: "Der Sperrriemen ist wichtig. Er wird locker verschnallt und bleibt immer drauf. Er leitet den Druck vom Gebiss auf den Nasenrücken und das Gebiss liegt ruhiger. Die meisten Reiter haben eine unruhige Hand. Der Sperriemen erspart den Pferden viel Gezerre im Maul."

Wiebke Heye, Pferde-Osteopathin, findet sehr deutliche Worte: "Das ist ja so, als würde man jemanden den Mund zukleben! Mit diesem "Knebel" um das Maul kann das Pferd das Maul nicht öffnen oder die Zunge heraushängen lassen. Prima....für den REITER!"


Das Gebiss ist halb durch das Maul gezogen, der Sperrriemen liegt nicht gut und der Kehlriemen sieht auch zu eng aus. Das geht besser!
Foto: nadifri / Fotolia.com

Kathrin Kienapfel und Holger Preuschoft vom Institut für Zoologie und Neurobiologie, Ruhr-Universität Bochum haben eine lange Abhandlung über die Verschnallung der Nasenriemen veröffentlicht (Quelle: Fürstliche Hofreitschule Bückeburg). Hier ist zunächst die Zusammenfassung. Da Sperr- und Nasenriemen 1. eine ähnliche Wirkung haben und 2. oft kombiniert sind, möchten wir diesen Text abbilden (wir empfehlen jedem, sich die Bilder im Original-Text selbst anzuschauen).


Die Praxis der Turnier-orientierten Reiterei widerspricht zunehmend den Postulaten der traditionellen Reitkunst. Die Widersprüche beginnen bereits mit der Verschnallung der Nasenriemen. Überflüssiges Riemenwerk verleitet zu Fehlinterpretationen von dessen Wirkung. Die tatsächliche Auswirkung der meist verwendeten Nasenriemen wird in Versuchen demonstriert und mit mathematischen Methoden erhärtet. Alle Reitlehren fordern für das Pferd die Möglichkeit des „Kauens“ am Gebiss während des Reitens. Kauen, ebenso wie die Aufnahme einer Belohnung ist aber nur möglich, wenn die Kiefer voneinander entfernt werden können. Genau das verhindern zu eng geschnallte Nasenriemen. Maßgeblich ist hierbei der am engsten verschnallte Riemen, wobei es völlig belanglos ist, wo dieser liegt, d.h. ob oberhalb des Gebisses „englisch“ oder unterhalb des Gebisses „hannoversch“ verschnallt. Eine Überprüfung der Weite durch Einschieben von zwei Fingern entlang des knöchernen Nasenrückens unter dem Nasenriemen ist notwendig und zuverlässiger als eine Überprüfung am Unterkiefer. Eine Überprüfung an der Seite des Kopfes ist ohne jeden Informationswert. Geht man von vollständig geschlossenen Zahnreihen aus, so ist eine Lockerung um mindestens 1 Loch erforderlich, um die Schneidezähne mehr als Fingerbreite und die Seitenzähne mehr als 12 mm voneinander zu entfernen.




Mit Futter belohnen geht nur, wenn das Pferd sein Maul benutzen kann.
Foto: Nadine Haase / Fotolia.de
 

Die massive Unkenntnis ist erschreckend


Das Schweizer Pferdemagazin kavallo.ch berichtete wie folgt:

Seit bald 15 Jahren wird in Baden-Württemberg der «Bericht des Turniertierarztes» von der dortigen Landeskommission für Pferdeleistungsprüfungen (LK) in ihrem Bereich eingeführt und dient seither der LK als Information über tierärztliche und den Tierschutz betreffende Probleme sowie über die Zusammenarbeit des Turniertierarztes (TTA) mit Offiziellen und Veranstaltern bei Pferdeleistungsschauen. Den Bericht senden die Tierärzte an die LK. Diese wertet die Berichte statistisch aus und zieht daraus gegebenenfalls Konsequenzen, beispielsweise wenn es um die Nachverfolgung rapportierter Beanstandungen geht. Diesen Berichten zufolge wurden in Baden-Württemberg innerhalb von 14 Turnierjahren (1999 bis 2012) 18.812 Pferde kontrolliert. Insgesamt kam es zu 430 Beanstandungen, von denen nicht weniger als 272 (63,3%) das Maul betrafen. In den Fällen, die das Maul betrafen, ging es 235 Mal (86,4%) um die Maulwinkel. Leider mit steigender Tendenz: Lag der prozentuale Anteil beanstandeter Maulwinkel in der Zeit von 1999 bis 2012 noch bei 54,7%, stieg er in der Turniersaison 2012 auf 67% an.

Schlechtes Zeugnis für Reiter
Bei Pferdekontrollen wurde weiter festgestellt, dass die Reithalfter zu eng und die Backenstücke zu kurz geschnallt waren. Einige Reithalfter waren wegen exzessiv enger Verschnallung nur sehr schwer zu öffnen, nach Öffnen der Verschlussschnalle war in der Riemenlage eine deutliche Kompression des Gewebes sichtbar. Durch zu kurz verschnallte Backenstücke wurden die Gebisse (Mundstücke) übermässig hochgezogen, mit der Folge einer massiven Faltenbildung an den Maulwinkeln.

Wie aus den Berichten der Turniertierärzte weiter hervorgeht, akzeptieren die Reiter Beanstandungen im Bereich des Pferdemaules nicht ohne Weiteres, wie dies folgende Zitate beispielhaft belegen: ◦Einige Reiter wehrten sich massiv und mit Beleidigungen gegen die angeordneten Pferdekontrollen;
  • bei schlimmer Verletzung an den Maulwinkeln zeigte sich der Reiter uneinsichtig
  • bei Startverbot wegen Ulzera (Substanzdefekt) im Maul mussten sich Richter und Turniertierarzt rechtfertigen
  • Reiter hielt Kontrolle für dilettantisch mit der Begründung, die Verschnallung des Reithalfters werde «seitlich an den weichen Nasenanteilen und nicht über dem Nasenrücken gemessen» – also eine völlig falsche Beurteilung.


65% verlängerte Maulspalte
Eine der Wirkungen von Gebiss und Zäumung ist der Zug auf die Maulwinkel. Hier treten, wie oben berichtet, die meisten Beanstandungen auf. Wie Messungen gezeigt haben (u.a. Dullenkopf 2013), differiert die Länge der Maulspalte des Pferdes in verschiedenen «Situationen» erheblich. Die situationsbedingt unterschiedlichen Längen der Maulspalte in Verhältniszahlen sind:
 
  • 100 Länge der «naturbelassenen» Maulspalte, Pferd nur mit Stallhalfter;
  • 140 Länge der Maulspalte bei regelkonformer Zäumung mit doppelt gebrochener Trense und hingegebenen Zügeln;
  • 165 Länge der Maulspalte bei regelkonformer Zäumung mit doppelt gebrochener Trense und aufgenommenen Zügeln.


Das bedeutet, die Maulspalte verlängert sich durch Auftrensen und Aufnehmen der Zügel um ca. 65 Prozent.


 

Wie sollen Sperr- und Nasenriemen denn nun verschnallt werden?


Ein weiterer Auszug aus besagtem Dokument von Kathrin Kienapfel und Holger Preuschoft:


Nichtsdestoweniger hält sich in vielen Kreisen unentwegt die Vorstellung, dass man „besser“ reitet, wenn man seinem Pferd das Maul tüchtig zuschnürt. Das ist keineswegs im Sinne der klassischen Reitlehre und auch nicht mit dem Prinzipien des Tierschutzgesetzes in Übereinstimmung zu bringen. (vgl. Einleitung, sowie haben "Richtlinien für Reiten und Fahren“). Wenn die „Richtlinien“ vorschreiben, dass das Pferd „bequem“ kauen kann (siehe auch H.Dv.12), ist ein Spielraum von 10 mm zwischen den Mahlzähnen erforderlich, und das heißt bei einem kleinen Vollblüterkopf eine Öffnung von mindestens 17 mm zwischen den Schneidezähnen, bei einem größeren Kopf noch mehr. Die 17 mm entsprechen einer sehr knappen Fingerbreite zwischen den Zähnen oder einer Zunahme des Öffnungswinkels von 2°. Podhajsky (1968) fordert, dass „das Pferd eine Belohnung aufnehmen können muss“. Als Belohnung galt in der Spanischen Reitschule Wien ein Stück Würfelzucker. Auch das verlangt ein Mindestmaß an Öffnung von nicht unter 15 mm. [...] Das Regelwerk sieht eine Prüfung auf dem Nasenrücken oder am Unterkiefer vor (siehe oben). Um den Sitz, insbesondere die Enge des Sperrriemens zuverlässig zu überprüfen, ist die Messung auf dem Nasenrücken am einfachsten und zuverlässigsten. Unter dem Unterkiefer können allzu leicht die Finger seitlich oder zur Mitte hin von den Kieferkörpern abgleiten und so einen lockereren Sitz vortäuschen. Maßgeblich für die Enge eines Reithalfters ist jeweils der enger geschnallte Riemen, deshalb müssen bei kombinierten Reithalftern unbedingt beide kontrolliert werden. Die Kontrolle nur eines Riemens reicht auf keinen Fall aus. Der Versuch, den Sitz des Reithalfters an der Seite des Pferdekopfes zu messen, ist vollkommen sinnlos. Das sog. „schwedische Reithalfter“, bei dem der Nasenriemen über eine lose Rolle geführt wird, verleitet wegen seines Flaschenzug-Effektes dazu, den Nasenriemen viel zu fest anzuziehen und ist deshalb vom Standpunkt des Tierschutzes her abzulehnen. Die Lockerung des Nasenriemens in „englischer“ Verschnallung oberhalb der Maulspalte um ein Loch gibt dem Pferd die Möglichkeit, seine Schneidezähne nur um kaum mehr als 20 mm voneinander zu entfernen, wenn die Entfernung zwischen den Löchern 2 cm beträgt, um 27 mm, wenn die Entfernung 2,5 cm beträgt. Diese Werte sind so gering, dass gerade nur ein Zuckerstück aufgenommen werden kann. . Um also eine für das Pferd spürbare Erleichterung zu schaffen, sollten, ausgehend vom zugezogenen Maul, 2 Löcher nachgelassen werden!




Der Sperrriemen tut, wofür er da ist: er sperrt. Das Pferd wirkt gestresst und kann das Maul kaum öffnen (Zähne liegen fast aufeinander).
Foto: Farmer / Fotolia.com
 

Argumente gegen den Sperrriemen

 

  • das Pferd kann den Speichel nicht mehr abschlucken
  • dadurch wird der natürliche Schutz des Magens behindert, was zu Magenproblemen führen kann
  • das Kiefergelenk ist in der Bewegung stark eingeschränkt
  • dadurch können Bewegungsstöße nicht mehr so gut abgepuffert werden
  • er behindert die Atmung, wenn er zu eng geschnallt ist
  • bei zu enger Verschnallung kompensiert das Pferd die Schmerzen oder Unannehmlichkeiten eventuell mit Widersetzlichkeit oder anderen Auffälligkeiten


 

Argumente für den Sperrriemen

 

  • er leitet den Druck vom Gebiss auf den Nasenrücken und das Gebiss liegt ruhiger
  • dadurch wird eine unruhige Reiterhand in der Wirkung gemildert
  • korrekt verschnallt kann ein Sperrriemen eben deutlich weniger Unbehagen verurachen als unruhige Hand (und jeder beginnt einmal zu lernen!)
  • "Kann man den auch abmachen? Ich dachte, das muss so."
  • "Sonst haut mir der Gaul immer ab."


 

Eigentlich liegt das Problem ganz woanders


Sperrriemen werden viel zu oft aus Unwissenheit benutzt. Der geschenkten Trense schaut man eben nicht ins Maul! Zu wenige Reiter hinterfragen, ob ihre Ausrüstung sinnvoll ist und dem Ausbildungsstand von Pferd und Reiter entspricht. Auch die korrekte Verschnallung wird eher durch die Stille Post weitergegeben als durch das Lesen der entsprechenden Vorschriften (Herstellerangaben oder die Leistungs-Prüfungs-Ordnung (LPO) der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) ).


Wie geht das nochmal? So viele Riemen, da blickt doch kein Mensch durch!
Bild: Andi Várkonyi / www.papermustang.eu

Der Sperrriemen wird auch eingesetzt, um mangelndes reiterliches Vermögen auszugleichen. Hier muss man zwar dem Reitschüler ankreiden, dass er nicht selbstständig denkt. Doch vor allem sind hier die Reitlehrer in Frage zu stellen, die es nicht leisten können oder wollen, dem Reitschüler vor oder nach der Stunde auch die korrekt sitzende Ausrüstung näher zu bringen. Oder Reitlehrer, die mit Desinteresse in der Hallenecke stehen und grobe Einwirkung im Maul nicht korrigieren. Der Reitschüler wird sich aus Unkenntnis und dem Gefühl, ertappt worden zu sein, immer rechtfertigen und keine berechtige Kritik zulassen, sollte man ihn auf eine falsch verschnallte Trense oder unruhige Hände ansprechen. Andreas Werft, kritischer Reitlehrer, legt großen Wert auf die "große Reitstunde": "Reiten lernen beinhaltet ebenso das Drumherum. Wie putze und sattle ich ein Pferd richtig? Was ist das für eine Zäumung und wieso setzen wir sie bei diesem Pferd ein? In der Praxis wird viel zu wenig theoretisches Wissen vermittelt, meistens aus Zeit- und Kostengründen. In einer Reitstunde, die 10 € kostet, muss ja irgendwo gespart werden!"
(Und da wird nicht nur an theoretischem Wissen gespart, sondern auch an den Schulpferden - aber das soll ein eigenes Thema sein.)

Ist es also auch die große menschliche Schwäche, keine Kritik einstecken zu können? Auch sachliche Kritik und selbst solche, die dem Pferd eindeutig einen Nutzen bringt (und damit dem Reiter), wird abgeblockt. Aus Trotz, Wut oder Engstirnigkeit wird weiter gezogen und zugeschnürt. Der Leidtragende bei soviel menschlicher Fehlleistung ist hier nur das Pferd. Und auch dieses Problem fängt ganz woanders an. Aus Angst, aus der (reiterlichen) Gruppe ausgestoßen zu werden oder sich klein zu fühlen, aus Ehrgeiz und dem Drang, mittels Siegen und Lob das Selbstwertgefühl zu steigern hören Menschen nicht auf ihr Bauchgefühl. Die meisten nehmen -bewusst oder unbewusst- wahr, dass sich ihr Pferd (egal, ob eigenes oder geliehen) nicht wohlfühlt oder sogar Schmerzen hat. Es fehlt ihnen jedoch der Mut, NEIN zu sagen und für den Partner Pferd in die Bresche zu springen. Hier sind Eltern, Freunde und Reitlehrer gefragt! Wenn Tiere leiden, erst Recht in einem Sport, in dem sie die Grundlage für alles bilden, muss jemand einschreiten! Das ist moralisch und ethisch notwendig.

Zudem gibt es zu wenige medienwirksame Vorbilder. Das Auge hat sich gewöhnt an zugeschnürte Mäuler, blutige Pferde-Bäuche durch Sporen und natürlich an Rollkur bzw. Hyperflexion. Diese Methoden sind dennoch sehr in Frage zu stellen. Nur, weil es jeder macht, sieht und beibringt, ist es NICHT richtig! Pferde-Menschen, die einfach nach ihrem gesunden Menschenverstand und einer gesunden Einstellung zum Leben handeln, werden als Wald- und Wiesenreiter belächelt. Die Kurse bei den Horsemanship-Trainern sind dagegen immer gut gebucht, irgendwer muss den Gaul ja schließlich reparieren. Nur: wenn der Wille zur Einsicht und Änderung fehlt, werden die Pferde weiter leiden.


Weniger ist mehr, eindeutig! Wer so viele Hilfsmittel braucht, um ein Pferd zu reiten - der hat es nicht besser verstanden. Und den Reitlehrer sollte man auch nicht weiterempfehlen!
Bild: Andi Várkonyi / www.papermustang.eu
 

Ein Pferde-Leben ohne Sperrriemen - gar nicht so schwierig


Man nehme

  • möglichst lange möglichst guten Reitunterricht bei einem Reitlehrer, der sein Geld (meistens etwas mehr) einfach wert ist und auf Reiter und Pferd achtet - vor, während und nach dem Reiten
  • eine Zäumung ohne Sperrriemen
  • viele gute Bücher oder Internet-Seiten, denn man kann nie genug wissen
  • Selbstvertrauen in sich und Vertrauen zum Pferd
  • eine große Portion Mut und das Wort NEIN

 

Vielen Dank an


Christin Krischke von der Fürstlichen Hofreitschule Bückeburg: www.hofreitschule.de
Anne Schmatelka für ihr Feedback: www.anneschmatelka.com
Andreas Werft für sein Feedback: www.reiten-erleben.de
Wiebke Heye für ihre Worte: www.pferdeosteopathie-heye.de
Angela Caprino für das Bild: www.pferdegerechte-ausbildung.de
Andi Várkonyi für die tollen Zeichnungen: www.papermustang.eu
Thomas Frei vom Magazin www.kavallo.ch

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Der Sperrriemen: hat er seinen Sinn verloren?
Datum der Nachricht: 15.05.2014
von Silke Schön

Es begann damit, dass wir diesen Artikel von Michael Geitner zum Thema Sperrriemen gefunden haben:
 

Ich höre oft die landläufigen "Argumente" für die Benutzung des Sperrriemens (Kinnriemen) wie "Mein Pferd streckt sonst die Zunge raus" oder "Das Pferd sträubt sich sonst gegen die Trense". Die Fakten, die GEGEN den Einsatz des Sperrriemens sprechen, sind folgende (dazu kurz etwas zur Historie): der Erfinder des Englischen Kombinationshalfters hatte ursprünglich eine wirklich gute Idee. Die Schlaufe, die vorne am Nasenband angebracht ist, wurde komplett anders verwendet als heute. Es wurde der Riemen jeweils links und rechts durch das Gebiss, und zwar von innen nach außen, verschnallt. So konnte der Zug auf das Gebiss beschränkt werden und der Druck auf den Nasenrücken weiter gegeben werden.

Zudem fand der Sperrriemen Verwendung, die aus den Bedürfnissen des Militärs heraus entwickelt und angepasst wurden. Um bei Stürzen zu verhindern, dass sich die Pferde durch weit geöffnete Mäuler den Unterkiefer brachen, wurde ihnen der Unterkiefer mittels Sperrriemen zugeschnürt. Dadurch verringerten sich die Kieferbrüche der damaligen Pferde um 80%.

Wahrscheinlich seit den späten 70igern kommt dem Sperrriemen nun eine sehr unglückliche, zweckentfremdete Aufgabe zu, nämlich dem Pferd das Leben schwer zu machen. Was der Sperrriemen aber sehr deutlich einschränkt und zum Teil auch stark behindert, ist das Abschlucken des Speichels. Wenn nämlich sein Maul zugeschnürt wird, kann das Pferd nicht mehr durch das leichte Öffnen des Mauls den Druck des Trensengebisses auf den Gaumen abmildern. An der Stelle, an der das Trensengebiss gegen den Gaumen drückt, sitzen aber Nervenrezeptoren, die den Schluckreflex unterbinden und den Deckel des Kehlkopfes blockieren. Dadurch entsteht das Einspeicheln des Pferdes, was also in erster Linie ein Zeichen dafür ist, dass das Pferd seinen Speichel nicht abschluckt, aber noch lange kein Hinweis darauf, dass das Pferd korrekt "durch das Genick" geht.

Das kann jeder an sich selbst ausprobieren: Wenn man mit einem Löffel an den Gaumen drückt, dann kann man seinen Speichel nicht mehr abschlucken und es entsteht zudem ein Würgereiz.


Reiten lernt man nur durchs reiten. Regelmäßiger Unterricht, unabhängig vom Ausbildungsstand, ist unabdingbar.
Foto: Sven Cramer / Fotolia.de

Neben vielen anderen Funktionen bildet der Speichel einen natürlichen Schutz der Magenschleimhäute des Pferdes. Wir wissen heute, dass etwa die Hälfte aller Pferde im Freizeitsport und sogar 80% der Pferde im Leistungs- und Hochleistungssport unter Magenproblemen leiden. Denn der Speichel erfüllt neben dem rein mechanischen Abtransport des bereits im Maul zerkauten Nahrungsbreis aus der Maulhöhle in den Magen noch eine Reihe weiterer ganz wichtiger Funktionen. Im Speichel befinden sich wichtige Mineralien, vor allem Natriumbikarbonat, das als chemischer "Puffer" eine Übersäuerung des Magens verhindert. Fehlt nun dieser Speichel als Säurepuffer, kommt es schnell zu einer Übersäuerung des Magens. Ist die Magenschleimhaut zum Beispiel durch Stress an manchen Stellen dünner als normalerweise, führt eine Übersäuerung des Mageninhaltes an diesen Stellen zu einem Magengeschwür, da die Magensäure - übrigens fast reine Salzsäure - an diesen Stellen die "Schutzhülle" der Magenwände einfach wegfrisst. Dieses Problem ist NICHT zu unterschätzen, da eine Erkrankung des Magens das Pferd sehr unrittig machen kann, weil es durch Anspannung der Muskulatur immer wieder versucht, den schmerzenden Magen ruhig zu stellen, damit die Magensäure nicht so viel herumschwappt. [...].

Der nächste Punkt gegen den Einsatz des Sperrriemens ist die eingeschränkte Freiheit des Kiefergelenks. Man hat festgestellt, dass, wenn das Kiefergelenk nicht richtig arbeitet bzw. festgeklemmt oder festgehalten wird, die Muskulatur des Kiefers Bewegungsstöße des Körpers, z.B. beim Laufen, nicht mehr abfedern kann. Wenn wir also einen Dauerlauf mit zusammengebissenen Zähnen laufen würden, dann würden wir uns derart die Wirbel der Wirbelsäule prellen, dass wir am Abend nicht mehr wüssten, wie wir uns überhaupt bewegen sollen. Die Pferde müssen das tagaus, tagein erleiden, und die Praxis des Sperrriemens kann Gelenkschäden bis hinunter zu den Fesselgelenken zur Folge haben. Man sagt daher: Das Kiefergelenk ist der erste Halswirbel. [...] Neben der Sicherstellung der Funktionsfähigkeit der Wirbelsäule ist die Kieferfreiheit zudem ganz wichtig für die Speichelproduktion, die vor allem durch die Ohrspeicheldrüse gesteuert wird. Ein festgezogener Sperrriemen verhindert die Kieferfreiheit und das Pferd kann nicht mehr kauen. Das ist aber eine Grundvoraussetzung, um Speichel zu produzieren und abfließen zu lassen. Dem Pferd steht keine ausreichende Menge an Speichel zur Verfügung und der vorhandene Speichel kann nicht abgeschluckt werden. Und das gerade in der stressigsten Zeit, im Training. Da brauchen die Pferde ihren Speichel nämlich am nötigsten.

Zudem verläuft genau an dem Punkt, wo der Sperrriemen sitzt, die Austrittsstelle (For. Mentale) eines empfindlichen Nervs, dem Nervus mentales, der für die Haut, Muskulatur, Schleimhaut der Unterlippe, sowie für das Kinn zuständig ist. Um es auf den Punkt zu bringen, formuliere ich das Problem des Sperrriemens folgendermaßen: Ich würde mir wünschen, dass die verschwendete Energie, die die Pferde aufbringen (müssen), um sich gegen den Sperrriemen zu wehren, als freie zusätzliche Energie für das zur Verfügung steht, was die Pferde leisten können. Wenn man die für den Kampf gegen den Sperrriemen eingesetzte Konzentration im Training zusätzlich zur Verfügung hätte, um sie für das Lernverhalten des Pferdes einzusetzen, dann wäre jeder, der von dieser Energie und Konzentration Gebrauch macht, gleich um Klassen besser, als derjenige Standard, den man sich mühsam gegen den Sperrriemen erkämpft hat.
Text: Michael Geitner



Dieser Artikel hat im Internet für einigen Wirbel gesorgt und in vielen Foren wurde darüber diskutiert.


Bildliche Darstellung der Lage des Sperrriemens an einem Pferdeschädel.
Bild: Angela Caprino, www.pferdegerechte-ausbildung.de
 

Was sagen andere zum Einsatz des Sperrriemens?


Anne Schmatelka, die selbst Dressur bis Klasse S reitet und bei uns schon einige Artikel veröffentlicht hat, hält den Einsatz von Sperrriemen für sinnvoll und gerechtfertigt: "Der Sperrriemen ist wichtig. Er wird locker verschnallt und bleibt immer drauf. Er leitet den Druck vom Gebiss auf den Nasenrücken und das Gebiss liegt ruhiger. Die meisten Reiter haben eine unruhige Hand. Der Sperriemen erspart den Pferden viel Gezerre im Maul."

Wiebke Heye, Pferde-Osteopathin, findet sehr deutliche Worte: "Das ist ja so, als würde man jemanden den Mund zukleben! Mit diesem "Knebel" um das Maul kann das Pferd das Maul nicht öffnen oder die Zunge heraushängen lassen. Prima....für den REITER!"


Das Gebiss ist halb durch das Maul gezogen, der Sperrriemen liegt nicht gut und der Kehlriemen sieht auch zu eng aus. Das geht besser!
Foto: nadifri / Fotolia.com

Kathrin Kienapfel und Holger Preuschoft vom Institut für Zoologie und Neurobiologie, Ruhr-Universität Bochum haben eine lange Abhandlung über die Verschnallung der Nasenriemen veröffentlicht (Quelle: Fürstliche Hofreitschule Bückeburg). Hier ist zunächst die Zusammenfassung. Da Sperr- und Nasenriemen 1. eine ähnliche Wirkung haben und 2. oft kombiniert sind, möchten wir diesen Text abbilden (wir empfehlen jedem, sich die Bilder im Original-Text selbst anzuschauen).


Die Praxis der Turnier-orientierten Reiterei widerspricht zunehmend den Postulaten der traditionellen Reitkunst. Die Widersprüche beginnen bereits mit der Verschnallung der Nasenriemen. Überflüssiges Riemenwerk verleitet zu Fehlinterpretationen von dessen Wirkung. Die tatsächliche Auswirkung der meist verwendeten Nasenriemen wird in Versuchen demonstriert und mit mathematischen Methoden erhärtet. Alle Reitlehren fordern für das Pferd die Möglichkeit des „Kauens“ am Gebiss während des Reitens. Kauen, ebenso wie die Aufnahme einer Belohnung ist aber nur möglich, wenn die Kiefer voneinander entfernt werden können. Genau das verhindern zu eng geschnallte Nasenriemen. Maßgeblich ist hierbei der am engsten verschnallte Riemen, wobei es völlig belanglos ist, wo dieser liegt, d.h. ob oberhalb des Gebisses „englisch“ oder unterhalb des Gebisses „hannoversch“ verschnallt. Eine Überprüfung der Weite durch Einschieben von zwei Fingern entlang des knöchernen Nasenrückens unter dem Nasenriemen ist notwendig und zuverlässiger als eine Überprüfung am Unterkiefer. Eine Überprüfung an der Seite des Kopfes ist ohne jeden Informationswert. Geht man von vollständig geschlossenen Zahnreihen aus, so ist eine Lockerung um mindestens 1 Loch erforderlich, um die Schneidezähne mehr als Fingerbreite und die Seitenzähne mehr als 12 mm voneinander zu entfernen.




Mit Futter belohnen geht nur, wenn das Pferd sein Maul benutzen kann.
Foto: Nadine Haase / Fotolia.de
 

Die massive Unkenntnis ist erschreckend


Das Schweizer Pferdemagazin kavallo.ch berichtete wie folgt:

Seit bald 15 Jahren wird in Baden-Württemberg der «Bericht des Turniertierarztes» von der dortigen Landeskommission für Pferdeleistungsprüfungen (LK) in ihrem Bereich eingeführt und dient seither der LK als Information über tierärztliche und den Tierschutz betreffende Probleme sowie über die Zusammenarbeit des Turniertierarztes (TTA) mit Offiziellen und Veranstaltern bei Pferdeleistungsschauen. Den Bericht senden die Tierärzte an die LK. Diese wertet die Berichte statistisch aus und zieht daraus gegebenenfalls Konsequenzen, beispielsweise wenn es um die Nachverfolgung rapportierter Beanstandungen geht. Diesen Berichten zufolge wurden in Baden-Württemberg innerhalb von 14 Turnierjahren (1999 bis 2012) 18.812 Pferde kontrolliert. Insgesamt kam es zu 430 Beanstandungen, von denen nicht weniger als 272 (63,3%) das Maul betrafen. In den Fällen, die das Maul betrafen, ging es 235 Mal (86,4%) um die Maulwinkel. Leider mit steigender Tendenz: Lag der prozentuale Anteil beanstandeter Maulwinkel in der Zeit von 1999 bis 2012 noch bei 54,7%, stieg er in der Turniersaison 2012 auf 67% an.

Schlechtes Zeugnis für Reiter
Bei Pferdekontrollen wurde weiter festgestellt, dass die Reithalfter zu eng und die Backenstücke zu kurz geschnallt waren. Einige Reithalfter waren wegen exzessiv enger Verschnallung nur sehr schwer zu öffnen, nach Öffnen der Verschlussschnalle war in der Riemenlage eine deutliche Kompression des Gewebes sichtbar. Durch zu kurz verschnallte Backenstücke wurden die Gebisse (Mundstücke) übermässig hochgezogen, mit der Folge einer massiven Faltenbildung an den Maulwinkeln.

Wie aus den Berichten der Turniertierärzte weiter hervorgeht, akzeptieren die Reiter Beanstandungen im Bereich des Pferdemaules nicht ohne Weiteres, wie dies folgende Zitate beispielhaft belegen: ◦Einige Reiter wehrten sich massiv und mit Beleidigungen gegen die angeordneten Pferdekontrollen;


bei schlimmer Verletzung an den Maulwinkeln zeigte sich der Reiter uneinsichtig
bei Startverbot wegen Ulzera (Substanzdefekt) im Maul mussten sich Richter und Turniertierarzt rechtfertigen
Reiter hielt Kontrolle für dilettantisch mit der Begründung, die Verschnallung des Reithalfters werde «seitlich an den weichen Nasenanteilen und nicht über dem Nasenrücken gemessen» – also eine völlig falsche Beurteilung.



65% verlängerte Maulspalte
Eine der Wirkungen von Gebiss und Zäumung ist der Zug auf die Maulwinkel. Hier treten, wie oben berichtet, die meisten Beanstandungen auf. Wie Messungen gezeigt haben (u.a. Dullenkopf 2013), differiert die Länge der Maulspalte des Pferdes in verschiedenen «Situationen» erheblich. Die situationsbedingt unterschiedlichen Längen der Maulspalte in Verhältniszahlen sind:


100 Länge der «naturbelassenen» Maulspalte, Pferd nur mit Stallhalfter;
140 Länge der Maulspalte bei regelkonformer Zäumung mit doppelt gebrochener Trense und hingegebenen Zügeln;
165 Länge der Maulspalte bei regelkonformer Zäumung mit doppelt gebrochener Trense und aufgenommenen Zügeln.



Das bedeutet, die Maulspalte verlängert sich durch Auftrensen und Aufnehmen der Zügel um ca. 65 Prozent.


 

Wie sollen Sperr- und Nasenriemen denn nun verschnallt werden?


Ein weiterer Auszug aus besagtem Dokument von Kathrin Kienapfel und Holger Preuschoft:


Nichtsdestoweniger hält sich in vielen Kreisen unentwegt die Vorstellung, dass man „besser“ reitet, wenn man seinem Pferd das Maul tüchtig zuschnürt. Das ist keineswegs im Sinne der klassischen Reitlehre und auch nicht mit dem Prinzipien des Tierschutzgesetzes in Übereinstimmung zu bringen. (vgl. Einleitung, sowie haben "Richtlinien für Reiten und Fahren“). Wenn die „Richtlinien“ vorschreiben, dass das Pferd „bequem“ kauen kann (siehe auch H.Dv.12), ist ein Spielraum von 10 mm zwischen den Mahlzähnen erforderlich, und das heißt bei einem kleinen Vollblüterkopf eine Öffnung von mindestens 17 mm zwischen den Schneidezähnen, bei einem größeren Kopf noch mehr. Die 17 mm entsprechen einer sehr knappen Fingerbreite zwischen den Zähnen oder einer Zunahme des Öffnungswinkels von 2°. Podhajsky (1968) fordert, dass „das Pferd eine Belohnung aufnehmen können muss“. Als Belohnung galt in der Spanischen Reitschule Wien ein Stück Würfelzucker. Auch das verlangt ein Mindestmaß an Öffnung von nicht unter 15 mm. [...] Das Regelwerk sieht eine Prüfung auf dem Nasenrücken oder am Unterkiefer vor (siehe oben). Um den Sitz, insbesondere die Enge des Sperrriemens zuverlässig zu überprüfen, ist die Messung auf dem Nasenrücken am einfachsten und zuverlässigsten. Unter dem Unterkiefer können allzu leicht die Finger seitlich oder zur Mitte hin von den Kieferkörpern abgleiten und so einen lockereren Sitz vortäuschen. Maßgeblich für die Enge eines Reithalfters ist jeweils der enger geschnallte Riemen, deshalb müssen bei kombinierten Reithalftern unbedingt beide kontrolliert werden. Die Kontrolle nur eines Riemens reicht auf keinen Fall aus. Der Versuch, den Sitz des Reithalfters an der Seite des Pferdekopfes zu messen, ist vollkommen sinnlos. Das sog. „schwedische Reithalfter“, bei dem der Nasenriemen über eine lose Rolle geführt wird, verleitet wegen seines Flaschenzug-Effektes dazu, den Nasenriemen viel zu fest anzuziehen und ist deshalb vom Standpunkt des Tierschutzes her abzulehnen. Die Lockerung des Nasenriemens in „englischer“ Verschnallung oberhalb der Maulspalte um ein Loch gibt dem Pferd die Möglichkeit, seine Schneidezähne nur um kaum mehr als 20 mm voneinander zu entfernen, wenn die Entfernung zwischen den Löchern 2 cm beträgt, um 27 mm, wenn die Entfernung 2,5 cm beträgt. Diese Werte sind so gering, dass gerade nur ein Zuckerstück aufgenommen werden kann. . Um also eine für das Pferd spürbare Erleichterung zu schaffen, sollten, ausgehend vom zugezogenen Maul, 2 Löcher nachgelassen werden!




Der Sperrriemen tut, wofür er da ist: er sperrt. Das Pferd wirkt gestresst und kann das Maul kaum öffnen (Zähne liegen fast aufeinander).
Foto: Farmer / Fotolia.com
 

Argumente gegen den Sperrriemen


das Pferd kann den Speichel nicht mehr abschlucken
dadurch wird der natürliche Schutz des Magens behindert, was zu Magenproblemen führen kann
das Kiefergelenk ist in der Bewegung stark eingeschränkt
dadurch können Bewegungsstöße nicht mehr so gut abgepuffert werden
er behindert die Atmung, wenn er zu eng geschnallt ist
bei zu enger Verschnallung kompensiert das Pferd die Schmerzen oder Unannehmlichkeiten eventuell mit Widersetzlichkeit oder anderen Auffälligkeiten


 

Argumente für den Sperrriemen


er leitet den Druck vom Gebiss auf den Nasenrücken und das Gebiss liegt ruhiger
dadurch wird eine unruhige Reiterhand in der Wirkung gemildert
korrekt verschnallt kann ein Sperrriemen eben deutlich weniger Unbehagen verurachen als unruhige Hand (und jeder beginnt einmal zu lernen!)
"Kann man den auch abmachen? Ich dachte, das muss so."
"Sonst haut mir der Gaul immer ab."


 

Eigentlich liegt das Problem ganz woanders


Sperrriemen werden viel zu oft aus Unwissenheit benutzt. Der geschenkten Trense schaut man eben nicht ins Maul! Zu wenige Reiter hinterfragen, ob ihre Ausrüstung sinnvoll ist und dem Ausbildungsstand von Pferd und Reiter entspricht. Auch die korrekte Verschnallung wird eher durch die Stille Post weitergegeben als durch das Lesen der entsprechenden Vorschriften (Herstellerangaben oder die Leistungs-Prüfungs-Ordnung (LPO) der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) ).


Wie geht das nochmal? So viele Riemen, da blickt doch kein Mensch durch!
Bild: Andi Várkonyi / www.papermustang.eu

Der Sperrriemen wird auch eingesetzt, um mangelndes reiterliches Vermögen auszugleichen. Hier muss man zwar dem Reitschüler ankreiden, dass er nicht selbstständig denkt. Doch vor allem sind hier die Reitlehrer in Frage zu stellen, die es nicht leisten können oder wollen, dem Reitschüler vor oder nach der Stunde auch die korrekt sitzende Ausrüstung näher zu bringen. Oder Reitlehrer, die mit Desinteresse in der Hallenecke stehen und grobe Einwirkung im Maul nicht korrigieren. Der Reitschüler wird sich aus Unkenntnis und dem Gefühl, ertappt worden zu sein, immer rechtfertigen und keine berechtige Kritik zulassen, sollte man ihn auf eine falsch verschnallte Trense oder unruhige Hände ansprechen. Andreas Werft, kritischer Reitlehrer, legt großen Wert auf die "große Reitstunde": "Reiten lernen beinhaltet ebenso das Drumherum. Wie putze und sattle ich ein Pferd richtig? Was ist das für eine Zäumung und wieso setzen wir sie bei diesem Pferd ein? In der Praxis wird viel zu wenig theoretisches Wissen vermittelt, meistens aus Zeit- und Kostengründen. In einer Reitstunde, die 10 € kostet, muss ja irgendwo gespart werden!"
(Und da wird nicht nur an theoretischem Wissen gespart, sondern auch an den Schulpferden - aber das soll ein eigenes Thema sein.)

Ist es also auch die große menschliche Schwäche, keine Kritik einstecken zu können? Auch sachliche Kritik und selbst solche, die dem Pferd eindeutig einen Nutzen bringt (und damit dem Reiter), wird abgeblockt. Aus Trotz, Wut oder Engstirnigkeit wird weiter gezogen und zugeschnürt. Der Leidtragende bei soviel menschlicher Fehlleistung ist hier nur das Pferd. Und auch dieses Problem fängt ganz woanders an. Aus Angst, aus der (reiterlichen) Gruppe ausgestoßen zu werden oder sich klein zu fühlen, aus Ehrgeiz und dem Drang, mittels Siegen und Lob das Selbstwertgefühl zu steigern hören Menschen nicht auf ihr Bauchgefühl. Die meisten nehmen -bewusst oder unbewusst- wahr, dass sich ihr Pferd (egal, ob eigenes oder geliehen) nicht wohlfühlt oder sogar Schmerzen hat. Es fehlt ihnen jedoch der Mut, NEIN zu sagen und für den Partner Pferd in die Bresche zu springen. Hier sind Eltern, Freunde und Reitlehrer gefragt! Wenn Tiere leiden, erst Recht in einem Sport, in dem sie die Grundlage für alles bilden, muss jemand einschreiten! Das ist moralisch und ethisch notwendig.

Zudem gibt es zu wenige medienwirksame Vorbilder. Das Auge hat sich gewöhnt an zugeschnürte Mäuler, blutige Pferde-Bäuche durch Sporen und natürlich an Rollkur bzw. Hyperflexion. Diese Methoden sind dennoch sehr in Frage zu stellen. Nur, weil es jeder macht, sieht und beibringt, ist es NICHT richtig! Pferde-Menschen, die einfach nach ihrem gesunden Menschenverstand und einer gesunden Einstellung zum Leben handeln, werden als Wald- und Wiesenreiter belächelt. Die Kurse bei den Horsemanship-Trainern sind dagegen immer gut gebucht, irgendwer muss den Gaul ja schließlich reparieren. Nur: wenn der Wille zur Einsicht und Änderung fehlt, werden die Pferde weiter leiden.


Weniger ist mehr, eindeutig! Wer so viele Hilfsmittel braucht, um ein Pferd zu reiten - der hat es nicht besser verstanden. Und den Reitlehrer sollte man auch nicht weiterempfehlen!
Bild: Andi Várkonyi / www.papermustang.eu
 

Ein Pferde-Leben ohne Sperrriemen - gar nicht so schwierig


Man nehme


möglichst lange möglichst guten Reitunterricht bei einem Reitlehrer, der sein Geld (meistens etwas mehr) einfach wert ist und auf Reiter und Pferd achtet - vor, während und nach dem Reiten
eine Zäumung ohne Sperrriemen
viele gute Bücher oder Internet-Seiten, denn man kann nie genug wissen
Selbstvertrauen in sich und Vertrauen zum Pferd
eine große Portion Mut und das Wort NEIN

 

Vielen Dank an


Christin Krischke von der Fürstlichen Hofreitschule Bückeburg: www.hofreitschule.de
Anne Schmatelka für ihr Feedback: www.anneschmatelka.com
Andreas Werft für sein Feedback: www.reiten-erleben.de
Wiebke Heye für ihre Worte: www.pferdeosteopathie-heye.de
Angela Caprino für das Bild: www.pferdegerechte-ausbildung.de
Andi Várkonyi für die tollen Zeichnungen: www.papermustang.eu
Thomas Frei vom Magazin www.kavallo.ch

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